Otmar, 80


Otmar ist mit 80 Jahren noch körperlich und geistig topfit.

Otmar besass früher zwei Hunde, den Fitz und den Max. Er erzählt uns davon, wie er Jahre lang morgens, vor der Arbeit, mit seinen Hunden in den Wald gegangen ist. 

Er erzählt von seinen Sichtungen mit Rehen und Wildschweinen. 

Auf dem Foto sieht er aus wie ein Jäger, und er hat die Amarilis geschultert wie ein erlegtes Tier.

Birgid, 75

Als wir Birgid davon erzählen, dass wir Fotos von Menschen mit und ohne Demenz machen, erleben wir starke Betroffenheit. 

Birgid ist 75 Jahre alt, in keinster Weise dement und möchte auf keinen Fall in diesem Kontext erwähnt werden. 

Wir erklären ihr, dass uns Inklusion wichtig ist, und wir keine explizite Trennung zwischen Fotomodellen mit und ohne Demenz machen möchten. Wir erfahren, wie viel Angst innerhalb der Gesellschaft vor dem Thema Demenz herrscht. Angst nicht nur vor dem Verlust des Gedächtnisses, sondern auch vor der damit verbundenen drohenden Abschiebung in ein Pflegeheim.

Birgid entscheidet sich dann, als Unterstützerin für unser Projekt mitzumachen. Als mutiges Gesicht dafür, das Thema Demenz in die Gesellschaft zu tragen.

Lilo, 96

Lilo ist eine vitale 96 jährige, waschechte Brandenburgerin. Sie hat drei Kinder alleine durch den Krieg gebracht und ist mit ihnen nach dem Krieg in die Westzone geflüchtet. Sie hat viele Jahre mit ihren Kindern in Flüchtlingslagern verbracht und erzählt von Enge, fehlender Privatsphäre und Kleidern, die gestohlen wurden. 

Lilo ist dann mit ihren Kindern in Heidelberg gelandet und geblieben.
 
Lilo liebt Kuchen, Süssigkeiten und deftiges Essen. Sie hat ihr ganzes Leben viel Kaffee getrunken und Wurst gegessen. 

Manchmal fällt sie um. Kürzlich ist sie rückwärts eine Rolltreppe runterfallen und kam ins Krankenhaus. Die Ärzte haben sich versammelt und das Wunder ihrer robusten Knochen bestaunt. Nichts war passiert.


Ihr Händedruck ist so stark wie der eines Waldarbeiters, jeden Tag macht sie eisern ihre Gymnastik und ist körperlich und geistig fit.

Lilo´s Lieblingsblumen sind die Margariten.

Traudl

Traudls Leben ist voller Gerüche: die Hecken riechen, die Sträucher riechen. Riechen tut auch die Wäsche, vom Waschpulver. Auch die Aluminiumstreifen, die sie im familiengeführten Friseursalon zurechtschneidet, riechen. 

Sie lebt noch immer in dem Haus, in dem sie geboren worden ist. Sie erinnert sich an den Pferdestall und die Schweine, die hier wühlten.

Ihr Sohn nimmt sie oft mit auf Reisen. "Ich komme gar nicht zur Gartenarbeit," flüstert Traudl, weil sie entweder im Friseursalon mitarbeiten oder mit ihrem Sohn auf Tour muss.

Als sie mit den leuchtenden Augen eines kleinen Mädchens von früher erzählt, greift ihre Hand zur Zigarettenschachtel in der linken Brusttasche. Sie raucht seit ihrem 12. Lebensjahr und ist noch kerngesund. "Mein Sohn, der ist strenger als mein Mann," flüstert sie, und zeigt uns ihr Zigarettenversteck.


Traudl erzählt von der Einsamkeit, seitdem ihr Mann gestorben ist. Sie waren Tag und Nacht zusammen. Erzählt, dass er wegen ihr vom Schreiner zum Friseur umgeschult hat. "Ein lieber Mann", sagt sie, "wir haben uns immer gut vertragen". Sie weiss nicht mehr genau, wann er gestorben ist, so ungefähr vor einem Jahr. Die Einsamkeit ist schlimm. In solchen Momenten legt sich dann auf ihr Bett und schaut in Richtung Odenwald. Das tröstet sie.

"Die Einsamkeit," sagt sie "verspannt die Schultern. Da ist es wichtig, Gymnastik zu machen." 

Um 12 gibt es Mittagessen. "Das ist ganz wichtig", sagt sie. 


Willi, 97

Willi wurde 97 Jahre alt. 

Auf seine hohes Alter angesprochen, hatte er uns gesagt: "Ich kann nichts dafür." 
Und: "Ich habe nie Schmerzen gehabt, das ist ein Glück."


Seine Demenz wurde besser, als seine Tochter ihm die vielen Medikamente abgesetzt hatte. Sie sagte aber auch: "Mit 97 darf er auch ein bisschen dement sein."

Mit Willi mussten wir ganz schnell sein. Wir platzierten ihn vor unserem Hintergrund, wollten gerade anfangen zu überlegen, wie das Foto zu machen sei, da wollte er nicht mehr. Wir hatten 2 Auslöser Zeit. Nach einer Weile wollte er wieder, wir wieder schnell dran..)
 
Willi trainierte bis ins hohe Alter jeden Tag 15 Minuten auf seinem Heimfahrrad, ging im Sommer jeden Tag im Badesee baden und Freitag abends mit seinen Kumpels in die Sauna. 

Willi erzählte uns vom Krieg. Vom total zerstörten Mannheim. „Der Hitler,“ sagte Willi „hat ja gesagt, in 10 Jahren werdet ihr Deutschland nicht wiedererkennen und ja, das stimmte ja auch." 

Er erzählt von Schüssen zwischen Russen und Deutschen. Darüber, dass sie doch alle Jungs gewesen waren, die sich eigentlich mochten. 

Er berichtet davon vom Einsatz im Afrikakorps, und wie er als Kriegsgefangener erst nach Texas und dann nach England kam.

"Wir hatten Glück, dass wir arbeiten durften. Das Schlimmste ist das Nichtstun," sagte er.

Sein Gruß an die jungen Leute war: „Ich wünsche Dir ein Leben in Frieden."

Bis zu seinem friedlichen Tod konnte Willi zuhause leben, betreut von einer polnischen Pflegerin und umsorgt von seinen Kindern. Sein Bett stand Im Wohnzimmer, so konnte er in den Garten blicken und musste keine Treppen mehr laufen.





Gudrun, 73

In Heidelberg, erzählt Gudrun, war früher richtig viel los. Live Jazzbars, Hippies! 
Als die Kinder kamen, bauten sie ein Haus mit schönem Garten.

Gudrun hat eine tolle Körperhaltung, macht Yoga, und ist topfit.
Sie war Sportlehrerin und gibt Gymanstikkurse im Seniorenheim.

Ihr Sohn wohnt im gleichen Haus wie sie und ihr Mann.

Joseph, 93

Joseph ist gebürtiger Frankfurter. Er kannte Frankfurt am Main noch vor dem Krieg und zeigt uns Postkarten von dieser einstmals so schönen Stadt. 

Er erzählt viel vom Krieg. Sachlich, neutral. Er musste als junge Mann an die Ostfront: Marienburg, Ostpreussen, Strassenkrieg. Das war das Schlimmste, erzählt Joseph, da wusste man gar nicht was einen erwartet. Gleich beim ersten Einsatz hörten sie die Russen. 

In Frankfurt zerfloss der Asphalt durch die Phosphorbomben, die Frauen und Kinder blieben darin stecken, als sie aus den zerbombten Häusern flohen und verbrannten. 

Nach dem Krieg war Joseph lange in der Modebranche selbständig. Bereiste Deutschland als Vertreter, bis er 83 Jahre alt war. Er würde jetzt gerne noch arbeiten.

Heute lebt Joseph alleine in seiner Wohnung in Frankfurt a. Main. Manchmal fährt er an den Main um ein Bierchen zu trinken. Im Wohnzimmer hängt ein Bild mit einem Haus. Er zaubert sich mit einer Taschenlampe Licht auf ein Fenster, so dass es hell erscheint. So zaubert er sich einen Nachbarn nach hause, das ist seine Arznei gegen die Einsamkeit.

Joseph liebt Skatspielen, Schach und Bier. Kochen ist seine Leidenschaft, die ganze Wohnung ist voller Kochbücher. 

Auf seinem Balkon pflegt er seine Blumen und die Tomatenpflanzen.

Marlies, 72

Marlies Weg führte aus der Gegend von Rostock über Berlin in die Pfalz.

Zu Besuch in Heidelberg entschloss sie sich, in dieser schönen Stadt bleiben zu wollen. 
Das Schicksal unterstütze sie. 
Am Abend, im Tanzlokal Pferdestall, lernte sie den Handwerksmeister Willi kennen.

Marlies sagte dem Willi, sie sei schon verliebt in Pirmasenz. 

Und Willi sagte ihr, sie und er sollen am gleichen Tag dem anderen einen Brief schreiben, darin enthalten, was sie sich wünschten von einer Beziehung. Aber egal, was sie schreiben würde, er würde an ihrer Haustür in Pirmasenz stehen und sie holen.

Das Paar feierte 2018 Goldene Hochzeit. 

Marlies schreibt Bücher: u.a.einen Kriminalroman für Frauen, Geschichten über ihr geliebtes Heidelberg und ein Buch über den Abschied von ihrer Tochter. 

Ihre Liebe zu den Pflanzen drückt sich in ihren Gedichten aus. Sie sammmelt Kräuter im Wald und man kann sich sehr gut aus dem ernähren, was die Natur uns bietet.

 ´

Marianne,82 


Marianne liebt Gladiolen. 

Ihr Mann ist vor einigen Jahren gestorben. Beim Erzählten weint Marianne.

Von der Pflege, vom Blut, von all dem. Sie erzählt von der schlimmen Einsamkeit.

Doch der Wechsel vom Weinen zum Lachen geht schnell. 3 Freundinnen hat sie nun, Witwenfrauen, die sich am Friedhof kennengelernt haben und sich nun eine schöne Zeit machen. 

Auf einer gemeinsamen Busfahrt hat eine der Witwenfrauen doch  tatsächlich einen 2 Jahre jüngeren Mann kennengelernt . Sie ist gleich mit ihm im Camper in den Urlaub gefahren. „Mit der können wir jetzt nicht mehr rechnen,“ sagt Marianne. 

 Es gibt aber einen Verehrer in Mariannes Leben. Der hat sie vor kurzen gefragt, ob sie nicht wieder einen Mann wolle. Er habe eine Eigentumswohnung, ein Auto, und könne ihr einiges bieten. 

Marianne will aber keinen Mann mehr. Damals als junge Frau, ja, aber nun, hängt ja alles, nein das könne sie sich nicht vorstellen.

Erika, 96

Als die Kinder ausgezogen waren, verlies Erika der Lebensmut.

Dann lernte sie auf einer Adventistenveranstaltung den 40 Jahre jüngeren Iwan aus Bulgarien kennen und seitdem ist Erikas Gesicht voller Strahlen. 

Es war eine Win-Win Situation: Erika suchte Gesellschaft und Iwan eine Bleibe. So gründeten sie eine WG in Erikas Wohnung. Iwan zog in Erikas Zimmer und Erika ins Wohnzimmer.

Die beiden sind ein Herz und eine Seele. Aber manchmal kracht es gewaltig zwischen den beiden. Dann kommen die Kinder zum Schlichten.

Erika kann nicht ohne ihren Garten und baut sich ihr Gemüse teilweise noch selbst an. Sie ist schon in zweiter Generation Vegetarierin. "Die Leute haben uns früher für verrückt gehalten, dass wir kein Fleisch essen" sagt sie.

Erika hat schon vor Jahrzehnten vorausgesagt, dass die Menschen eines Tages keine Kuhmilch mehr vertragen werden. 

Ihre Gesundheit schreibt sie ihrer gesunden Ernährung zu.

Erika, 66

Erika ist aus Heidelberg, Mutter von vier Kindern und Oma von 4 Enkeln.

Sie lebt noch immer in dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist.  Seit 4o Jahren arbeitet sie als Tagesmutter.

Zusammen mit ihrem Mann Burghard lebt sie im Kreis ihrer Familie. Der Hof vor ihrem Haus füllt sich ab nachmittags, wenn die Kinder von der Arbeit kommen, zunehmend mit Leben, keiner ist alleine.

Burghard, 77

Burghard kommt aus Riesenburg im ehemaligen Ost-Preußen.

Seine Mutter floh mit ihm und seinen vier älteren Schwestern nach dem Krieg nach Berlin. Sein Lebensweg führte ihn dann nach Heidelberg.

Zusammen mit seiner Frau Erika lebt er in einem grossen Haus mit einem Teil seiner großen Familie. Hunde laufen herum, Enkelkinder plantschen im Hof, es ist immer was los. 
Es gibt gemeinsame Essen, verschiedene Generationen leben hier zusammen.

Maria

Es gibt ein schwarz- weisses Fotos von Maria mit einem Hund. Das Bild ist nicht ganz scharf, aber zeigt eine unglaublich erotische und attraktive Frau.

Maria ist aus Paraguay und hat dort ihren deutschen Mann kennengelernt. Mit ihm zog sie nach Deutschland und bekam 3 Kinder. Aber dann kehrte ihr Mann wieder nach Paraguay zurück. Sie blieb alleine mit den Kindern in Deutschland zurück. Das war nicht leicht.

 Maria hatte im Odenwald eine riesigen, wunderschönen Zaubergarten, voller alten Rosen. Blumen und Pflanzen sind ihre Leidenschaft, ihre Liebe. 

Diesen Garten hat sie nicht mehr. Jetzt ist sie oft im Garten ihrer Tochter und pflegt die Pflanzen.

Roswitha